Mit Namen ist das so eine Sache. Man sollte sie richtig aussprechen können und muß sie sich auch noch merken. Im Tierpark bekommen deshalb viele Tiere erst gar keinen Namen. Andere, die zufälligerweise am gleichen Tag wie ein Tierpark-Mitarbeiter Geburtstag haben, kriegen dessen Vornamen übertragen wie beispielsweise die Kamele Joachim und Klaus-Dieter. Wieder andere Tiere tragen Namen, die auf ihr ursprüngliches Herkunftsland hinweisen. Dazu gehört Elefantenkalb Horas, dessen Name auf Sumatra so viel wie „Hallo“ oder „Willkommen“ heißt. Und dann gibt es noch Tiere, bei denen drängt sich ein Name geradezu auf – so wie bei Sperbergeier Jacqueline.

Tierpark Kolumne

Am 7. März war das Greifvogelküken aus seinem Ei geschlüpft. Es fand sich im Brutkasten wieder, denn die Tierpfleger hatten den unerfahrenen Eltern das Ei schon frühzeitig aus dem Nest genommen. Jacqueline wurde sofort versorgt und gefüttert. Das allerdings bekam ihr zunächst nicht so gut. Hatte sie zu viel Streß? Auf jeden Fall erbrach sie immer wieder einen Großteil des Futters.

„Sie kotzte wie das legendäre Pferd Jacqueline im Film „Der Schuh des Manitu‘ und bekam deshalb dessen Namen“, erzählt Tierpark-Kurator Martin Kaiser, den das Verhalten des jungen Vogels allerdings nicht besonders wundert. „Es ist völlig normal, daß Geier, wenn sie kurz nach dem Fressen gestört werden, kotzen. Deshalb wissen auch alle Tierpfleger in dem Revier, daß sie sich den Tieren kurz nach der Fütterung am besten gar nicht oder nur sehr vorsichtig nähern sollten.“

Für Jacqueline, die inzwischen seit mehr als zwei Monaten permanente menschliche Nähe genießt, sind die Tierpfleger längst kein Problem mehr. Sie frißt und verdaut ohne Probleme, ihren Namen hat sie allerdings weg. Es gibt nur noch eine Möglichkeit, ihn wieder loszuwerden: Wenn sich herausstellen sollte, daß Jacqueline gar kein weiblicher Geier ist.

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Bei Geiern läßt sich das Geschlecht nämlich nur durch eine Genanalyse ermitteln. Dazu wird dem Tier eine Feder entnommen, an deren Kiel sich ausreichend nutzbares Zellmaterial findet. Im Vogelrevier des Tierparks in Friedrichsfelde zweifelt jedoch niemand an Jacquelines Weiblichkeit.

Der Grund hat einen Namen: Ronald Richter. Bislang lag der Tierpfleger mit seinen Bestimmungen noch nie falsch. „Er hat einen siebten Sinn dafür, es ist erstaunlich“, sagt Kurator Martin Kaiser. Im vergangenen Jahr lag Ronald Richter bei einem Königsgeier richtig. Das Tier war kaum geschlüpft, da hatte er es auch schon benannt: Naomi, nach Naomi Campbell, weil es mit seinem schwarzen Kopf und weißen Dunenkleid so schön aussah. Und natürlich ist es – inzwischen erwiesenermaßen – ein Weibchen.

Auch in diesem Jahr kam im Tierpark ein Königsgeier zur Welt. Natürlich bekam auch dieses Tier einen Namen, nachdem Richter einen prüfenden Blick auf Kopf und Gestalt geworfen hatte. Das Ergebnis: ein Männchen. Der Name: Prinz.

Text:  Sylke Heun

All images copyright: Manja Elsässer

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